



Herr Merk, lässt sich Glück lernen?
Gute Frage. Ja, man muss aber unterscheiden. Die Frage ist: Was ist Glück? Das Glück, wie wir es im Fritz-Schubert-Institut verstehen, ist nicht das kurzfristige. Nicht der Moment am Strand oder beim Eisessen. Wir alle wissen, dass der letzte Urlaub vielleicht am ersten Arbeitstag bereits vergessen ist. Lernen lässt sich, was das sogenannte psychologische Wohlbefinden ausmacht. Dazu gehört: sich selbst kennenlernen, gute Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und sich fragen, wie die Zukunft gestaltet werden kann. Was möchte ich machen in meinem Leben? Worauf wäre ich stolz?
Ist Glück nicht eher die individuelle, ganz persönliche Angelegenheit jedes Einzelnen?
Das schließt sich nicht aus. Das Schulfach Glück ist offen für alle Lebensgestaltungen. Es ist nicht die eine Perspektive von Glück. Es hat das Ziel, generalisierbare Aussagen zu treffen, also was für uns Menschen generell gilt. Womit wir das füllen, ist individuell. Für den einen ist es Yoga, für den anderen die Familie.
Glück nach Stundenplan – wie kann man sich das vorstellen?
Der entscheidende Unterschied zum klassischen Schulfach ist, dass es nicht primär Wissen von außen vermittelt. Der Blick richtet sich nach innen. Wir schaffen den Raum, der Inhalt sind die Schülerinnen und Schüler selbst. Schülerinnen und Schüler machen ihren Selbstwert häufig von ihren Noten abhängig. Eine Vier in Mathe heißt: Ich bin nicht gut. Bildungsforscher wissen, dass die Aussagekraft von Noten über das Wissen, die Motivation, die Kompetenz eines Schülers sehr begrenzt ist. Um so mehr müssen wir einen stabilen Selbstwert unabhängig von diesem Messmaß entwickeln. Noten sind nur begrenzt aussagekräftig. Es kommt auch auf die Umstände an, die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer zum Beispiel. Im Schulfach Glück ist dies essenziell. Der Name rüttelt zwar auf, führt aber häufig zu falschen Vorstellungen über das Konzept.
Inwiefern? Wie würden Sie es nennen?
Ich würde in Richtung Lebenskompetenz gehen – um den Prozess in den Vordergrund zu rücken: Wer bin ich und was will ich mit meinem Leben machen?
Für welches Alter ist das Fach sinnvoll?
Von der Grundschule bis zur Oberstufe. Die Grundschullehrkräfte haben den Vorteil, dass sie sehr viel Zeit mit ihren Schülern verbringen. Für Oberstufenschüler hat es viel mit beruflicher Zukunft zu tun, die Kleineren beschäftigt eher: Ich will derjenige sein, der sich traut, in den Fußballverein zu gehen. Eine der Grundhaltung vom Schulfach Glück ist: vom Erdulder zum Gestalter.
Bildungsverbände kritisieren, dass es keinen Bildungsplan gibt.
Wir haben einen sogenannten Orientierungsrahmen entwickelt. Aber: Die Arbeit an der Persönlichkeitsentwicklung schließt einen strikten Bildungsplan aus, denn er gibt meist vor, was wann gemacht werden muss. Die Arbeit ist jedoch so hochgradig individuell, das kann man nicht manualisieren. Wir sträuben uns auch gegen ein Schulbuch.
Gibt es Werte, die den Erfolg belegen?
Wir haben tolle Ergebnisse, tolle Erfahrungswerte. Die Schüler lassen sich drauf ein und nehmen es an. Aber wir wollen auch valide Zahlen vorlegen. Es gibt Wirksamkeitsstudien. Fritz Schubert nennt diese zum Beispiel in seiner Dissertation. Offizielle Belege darüber, wie viele Schüler das Fach wählen, gibt es nicht. Es kommt auch darauf an, ob es ein Wahl- oder ein Pflichtfach ist. Manche Schulen im Land haben das Fach fest in ihrer Stundentafel. Aber Glück gibt es nicht als offizielles, verpflichtendes Fach. Das Bildungssystem kann die Qualifikation für Lehrkräfte bislang nicht liefern. Sie werden am Fritz-Schubert-Institut ausgebildet.
Tübingen hinkt beim Schulfach Glück hinterher. Laut Regierungspräsidium wird es an keiner Schule angeboten. Wann es am Carlo-Schmid-Gymnasium losgeht, ist unklar. Woran liegt das?
Es braucht an den Schulen immer eine federführende Person. Das bedeutet meist, dass sie die Weiterbildung selbst bezahlt – für Lehrer sehr gewöhnungsbedürftig, denn sie sind nicht gewohnt, sich auf eigene Kosten fortzubilden. Wege zur Kostenübernahme gibt es mittlerweile, allerdings ohne Garantie. Und es braucht die Unterstützung der Schulleitung. Auch aus dem Kollegium kann es Gegenwind geben.
Der kommt auch von Religionswissenschaftlern. Sie kritisieren das Fach als intransparent, ohne Referenz zu einer Wissenschaft, und fürchten ein Einfallstor für Sekten. Ist da etwas dran?
Nein, aber ich verstehe, woher die Bedenken kommen. Es liegt an dem Begriff Glück, denn auch Scientology wirbt für den „Weg zum Glücklichsein“. Glück ist ein sehr schwieriger Begriff. Gleichzeitig ist es das, was wir seit zweieinhalbtausend Jahren diskutieren. Es treibt uns Menschen um. Die Sekten nutzen das aus. Aber: Das Schulfach Glück gibt nicht vor, was der Weg zum Glück ist. Es ist keinerlei Heilsversprechen, sondern offen für alle Formen der Lebensgestaltung.
Die Lehre vom Glück sei bereits im Ethik- oder Religionsunterricht verankert, verknüpft jeweils mit einer Glaubensrichtung.
Das Fach Ethik ist offen für alle Weltanschauungen, im Fach Glück ist es ebenfalls so. Die wissenschaftliche Verlinkung ist gegeben. Ein Kernpunkt des Instituts ist, gesicherte Werte aus der Wissenschaft zu nutzen, der Neurowissenschaft zum Beispiel. Die wissenschaftliche Rückbindung ist gegeben.
Ist der Druck zum Glücklichsein durch Social Media heute stärker geworden?
Die Wahrscheinlichkeit, sich selbst in dem zu verlieren wie man zu sein hat, ist auf jeden Fall größer. Zudem vereinsamen Schüler, wenn sie Stunden alleine vor dem Handy sitzen in einem Kontext, der Pseudobeziehungen suggeriert. Beziehungen sind zentraler Bestandteil von Wohlbefinden.
Liegt es also an Social Media, dass sich Kinder und Jugendlich zunehmend psychisch belastet fühlen?
Hier überlagern sich mehrere Effekte. Social Media ist sicher ein Teil davon, aber auch die Geschwindigkeit, in der Kindheit heute häufig stattfindet, ist deutlich höher als beispielsweise in den 80er Jahren. Die Frage ist aber: Sind wir aufmerksamer dafür geworden, oder ist es tatsächlich so? Ich kann es nicht genau beantworten. Mein Eindruck jedoch ist, dass die großen Krisen das Gefühl verstärken. Corona, das damals enstandene Gefühl von Alleingelassensein, Kriegsangst, Unsicherheiten im globalen Miteinander: Die Kinder, die jetzt aufwachsen, brauchen schon viel Lust auf die Zukunft.
Das „Schulfach Glück“ wurde 2007 von dem Heidelberger Schulleiter Ernst Fritz-Schubert auf den Weg gebracht. Ziel ist, die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern und sie zur Übernahme von selbstbestimmter Verantwortung zu befähigen. Florian Merk arbeitet als Coach und Berater für Persönlichkeitsentwicklung. Der 38-Jährige hat Philosophie/Ethik und Politikwissenschaft auf Gymnasiallehramt studiert und lebt mit seiner Familie in Tübingen. Er gibt am Zentrum für Schulqualität (ZSL) Fortbildungen und unterrichtet an einem Stuttgarter Gymnasium das Schulfach Glück. Die fünfjährige Ausbildung zum Lehrtrainer für „Schulfach Glück“ absolvierte er am Heidelberger Fritz-Schubert-Institut. In Kooperation mit dem Institut bildet er mittlerweile selbst Glückslehrkräfte aus.
In Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien bieten nach Angaben des Instituts über 300 Schulen Glück entweder als Schulfach, Wahlfach oder Arbeitsgemeinschaft an. In der Oberpfalz ist das Fach unter dem Namen „Persönliche Entwicklung“ für berufliche Schulen verpflichtend eingeführt.

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